zweioderdrei – Psalm 22 (Hörst du mich)

07 October 2026 – Deutsch – in lieder-mit-tiefe


Mein Herz es schreit:
Wenn du doch befreist,
wo nur bleibt
deine Rettung,
deine Gegenwart?
Wo bist du, mein Gott?

Vom Feind umringt.
Sein Spott in mir klingt:
Wann nur bringt
Gott dir Rettung,
seine Gegenwart?
Wo ist nun dein Gott?
(Wo bist du, mein Gott?)

Man wünscht es niemandem – und doch kennen diesen Schmerz die meisten Menschen irgendwo. Und die Anschuldigung fühlt sich in diesem Moment absolut valide an: Gott, du befreist. Das sagst du von dir und das sehe ich auch im Leben von meinen Mitmenschen. Und vielleicht werden sogar die Menschen befreit, die es gar nicht verdient hätten.

Und in diesem Moment können wir nicht anders, als zu schreien: «Wo bist du, mein Gott?»

Doch schau‘ ich zurück, warst du stets da.
Und bring’ ich mein Herz,
kommst du mir nah.
Du, Heiliger, wohnst in meinem Lob.
Und ich ruf‘ zu dir: Hörst du mich, Gott?

Der Refrain lädt uns ein, einen Schritt zurückzutreten aus unserer Dunkelheit. So schnell verlieren wir uns in unserer Verzweiflung. Und die Berge werden immer höher und höher und unser Tal immer tiefer und tiefer. Wir werden hier erinnert, uns an dem festzuhalten, was wir erlebt haben als Wahrheit: Auch wenn es sich im Moment nicht immer angefühlt hat, als wäre Gott da, war er es doch immer. Und wenn wir zu ihm kommen, weicht er nicht zurück. Und er hält es aus (und freut sich sogar!), wenn wir ehrlich zu ihm kommen mit unseren Zweifeln.

Hörst du mich, wenn ich schrei‘
Hörst du mich, wenn die Seele weint?
Hörst du mich, wenn ich schrei‘?
Hörst du mich, wenn mein Herz zerreißt?

Diese Bridge ist ein absolutes Meisterwerk an Songwriting. Es beginnt mit einer Frage: Hörst du mich, wenn ich schreie? Aber gesungener Text hat keine Satzzeichen. Und so können diese Zeilen immer stärker zu einem Bekenntnis werden: Wenn ich schreie hörst du mich.

Und wenn das Lied in einer Gemeinde gesungen wird, können wir uns gegenseitig tragen: Wenn ich gerade nur verzweifle und die Frage und (An-)Klage das einzige ist, was mir bleibt, dann kann vielleicht ein:e Banknachbar:in für mich das Bekenntnis hochhalten und ich kann mich an ihrem Glauben festklammern. Und genau darum würde ich die Auflösung von dieser Spannung am Ende der Original-Bridge auch weglassen, wenn ich dieses Lied anleiten würde.

Trotz tiefster Nacht
hast du es vollbracht,
mir gebracht:
Deine Rettung,
deine Gegenwart.
Hier bist du.
Hier bist du, mein Gott.

Zum Schluss erinnert uns das Lied an das, wo wir uns wirklich festklammern können, egal, was um uns herum stürmt: In jener tiefen Nacht auf Golgatha – und drei Tage später, erneut mitten in der Nacht – hat Jesus einen Weg geschaffen für unsere letztliche Hoffnung. Und im Festklammern daran finden wir die ultimative Rettung.